Der Bordeaux-Jahrgang 2015

      GANZ GROSS; IN WEISS, ROT UND SÜSS

       

      Die Bordeauxwinzer empfingen uns mit einem freudigen Lächeln. In deren Keller schlummert nämlich in den Barriquen ein sehr, sehr guter Jahrgang…
      Elf Tage lang haben wir uns durch den noch jungfräulichen Bordeauxjahrgang 2015 durch degustiert. Unser Team; Tjark Witzgall (Einkäufer von Mövenpick), André Kunz (Schweizerische Weinzeitung), Luigi und Luigino Zanini (Tessiner Winzer) und meine Wenigkeit; René Gabriel.

       

      Das Interesse an grossartigen Weinen ist logischerweise disproportional grösser als bei etwas bescheideneren Jahrgängen. Bei unterschiedlichem Preis – versteht sich.
      Die erste Frage ist immer, wie denn das sich ankündigende «Millesime» wirklich ist und wie der Jahrgang gegenüber möglicherweise vergleichbaren Weinen einzustufen ist.
      Für mich ist 2015 ein Blend zwischen 80 % vom Jahrgang 2005 und 20 % vom 2010er.
      Also Friede – Freude – Eierkuchen?

       

      Leider nicht ganz. Um den Bordeaux 2015 generell als ganz grossen Jahrgang einzustufen müssten nämlich verschiedenste Bedingungen erfüllt sein…

       

      Ein ganz grosser Jahrgang ist es jeweils, wenn die Grundkategorien «weiss», «rot» und «süss» Topweine abliefern. Das ist heuer ganz sicher der Fall.

       

      Ein ganz grosser Jahrgang ist es jeweils, wenn sowohl am linken Ufer (Médoc und Graves) wie auch am rechten Ufer (Libournais) gleichwertige Spitzenqualitäten zu finden sind. Das ist heuer ebenfalls der Fall.

       

      Ein ganz grosser Jahrgang ist es jeweils, wenn die Zweitweine zwar logischerweise weniger Konzentration aufweisen, jedoch trotzdem viel Aromatik vom Grand Vin reflektieren. Das ist heuer nicht der Fall.

       

      Ein ganz grosser Jahrgang ist es jeweils, wenn das mögliche Klassement integer ist und die teuersten Weine klar vor den etwas günstigeren Mitkonkurrenten liegen. Das ist heuer nicht ganz der Fall.

       

      Ein ganz grosser Jahrgang ist es jeweils, wenn sich sämtliche der wichtigsten Appellationen auf hohem Qualitätsniveau befinden. Das war heuer nicht der Fall.

       

      Ein ganz grosser Jahrgang ist es jeweils, wenn auch bescheidenere Lagen tolle Weine abliefern. Auch das war leider nicht der Fall.

       

      Ein ganz grosser Jahrgang ist es jeweils, wenn es ganz viele grossartige Weine zu vermelden gibt. Und das stimmt beim Bordeaux 2015 ganz sicher!

       

      Die Summe der bestbewerteten Weine reflektieren einen ganz grossen Jahrgang. Das ist unbestritten. Ich glaube auch, dass sich die vielleicht momentan nicht im Rampenlicht stehenden Crus sehr gut entwickeln werden und zu tollen Werten heranreifen. Primeur-Marathon: Geschätzte 1000 Weine habe ich während 11 Tagen verkostet. Die spannendsten und besten habe ich in meinen HP-Laptop «gehackt». In der Gabriel-Suchmaschine www.bxtotal.com kann man nach 432 Bordeaux 2015 surfen.

       

      Rotwein-Bilanz: 7 Weine mit 20/20 / 40 Weine mit 19/20 / 91 Weine mit 18/20 / 170 Weine mit 17/20, plus weitere…

       


      Süsswein-Bilanz: 3 Weine mit 20/20, 5 Weine mit 19/20 / 12 Weine mit 18/20 / 7 Weine mit 17/20, plus weitere…

       


      Weisswein-Bilanz: Kein Wein mit 20/20 / 5 Weine mit 19/20 / 7 Weine mit 18/20 / 25 Weine mit 17/20, plus weitere…


      Gäbe es denn ein Klassement über alle Regionen, so würde dies beim Bordeaux 2015 ganz sicher nicht stimmen. Nicht alle Top-Châteaux haben Topweine gemacht. Und viele weniger hoch klassierte Crus liefern eine kompetitive Spitzenqualität. Es ist für mich weder das «Jahr des Winzers» noch das «Jahr des Terroirs». Es ist das Jahr «des Wetters». Heiss hatten alle. Aber nicht alle gleich viel Regen. Am meisten abgekriegt hat der Médoc-Norden. Von Saint-Julien aufwärts.

       

      Rotwein-Achterbahn: Dadurch ist in fast allen Regionen eine heterogene «Rangliste» entstanden. In Saint Estèphe ist der Meyney genau so gross wie der Montrose. In Pauillac siegt ein Premier (Lafite-Rothschild), muss sich aber den Platz mit Pichon Lalande teilen. In Saint Julien sind die teuren (Ducru Beaucaillou und Léoville Las-Cases) zwar vorn, aber der Léoville-Barton und Saint-Pierre sind ihnen direkt auf den Fersen. In Margaux schafft es Palmer das Feld knapp hinter sich zu lassen. Drei Güter schaffen es auf 19/20: Margaux, Brane Cantenac und du Tertre.

      In Pesac-Léognan schafft es nur ein Wein auf 20-Punkte. Es ist der Pape-Clément!!! La Mission und Haut-Brion sind mit 19/20 taxiert. Die gleiche Wertung heimsen sich aber auch Haut-Bailly und Les Carmes Haut-Brion ein.
      Im Pomerol (2015 ist da ähnlich wie 1998!), gibt es zwei Crus an der Spitze; Pétrus und Trotanoy. 10 (!) Châteaux erreichen 19/20. Das sind: Latour à Pomerol, Hosanna, Lafleur, La Fleur-Pétrus, L’Evangile, La Croix, Nenin, Vieux Château Certan, L’Eglise-Clinet und Fleur-de-Gay. Ganz spannend und halbheterogen wird es in Saint-Emilion. Figeac siegt da dank Cabernet-Sauvignon-Advantage.
      Zu erwarten war, dass Ausone und Cheval Blanc bei den 19-Punkten vorne liegen. Aber sie haben brutale Konkurrenz, von berühmten aber auch wenig bekannten Namen: Canon-La-Gaffelière, Lafon La Tuilerie, Clos Dubreuil, de Pressac, Petit-Gravet-Ainé, Péby Faugères, Valandraud, Angélus, Tertre-Rôteboeuf, L’If und der überraschende Canon.

       

      Preise im Aufwind: Bessere Qualität – höhere Preise. Leider ist das eine unüberwindbare Formel. Nach vier mässigen bis zwar sehr guten Jahren, schlummert jetzt endlich wieder ein Spitzenjahrgang im Keller. Aus meiner Sicht lag die durchschnittliche Preislatte der Jahrgänge 2011 bis 2014 zu hoch. Wenn man will, dass der Primeur läuft, dann muss man auch wirkliche Primeurpreise machen und nicht den angespannten Markt permanent ausreizen. Für den Bordeaux 2015 rechne ich mit einer Preissteigerung von 5 Prozent für die einfacheren Weine und bis 40 Prozent für die rund 50 Prestige-Crus.

       

      Achtung beim Kauf: Viele Châteaux werden einem allgemeinen Preistrend nach oben folgen. Hingegen nicht immer mit einer parallel vergleichbaren Qualität. Also genau hinschauen, wer da wirklich reüssiert hat und wer die Trittbrettfahrerstrategie ausnützt. Dafür soll dieser umfassende Gabriel-Bericht eine wertvolle Stütze sein.

       

      Sieger-Endziffer «5»: Vergleicht man alle Endziffern seit dem Ende des zweiten Weltkrieges, so schafft es der aktuelle 2015er in die Siegerserie. Ausser dem Jahrgang 1965 waren alle gross und somit gesamthaft besser als alle anderen «Endzifferjahrgänge».
      1945, 1955, 1975, 1995, 2005 gelten alle als grosse bis legendäre Jahrgänge. Und genau da wird sich der 2015er auch einreihen…

       

      Von René Gabriel: www.bxtotal.com