Was früher „Herbsten“ hiess, fand 2026 vielerorts bereits mitten im Hochsommer statt. Noch vor einigen Jahrzehnten waren September und Oktober die klassischen Monate der europäischen Weinlese. In diesem Jahr hat ein warmer und trockener Vegetationsverlauf mit mehreren Hitzeperioden und regionaler Trockenheit die Reife der Trauben massiv beschleunigt – und in zahlreichen Weinregionen für historisch frühe Lesetermine gesorgt.
Deutschland erlebt ebenfalls einen aussergewöhnlichen Jahrgang: Nach Angaben des Deutschen Weininstituts hat die Hauptlese für die allermeisten Betriebe so früh wie noch nie begonnen. Ende August wurde bereits von Sachsen bis zum Bodensee gelesen, fast alle Rebsorten werden ungewöhnlich dicht hintereinander reif. Die Trauben präsentieren sich sehr gesund, aufgrund der Trockenheit sind die Beeren vielerorts jedoch kleiner als üblich – entsprechend werden eher unterdurchschnittliche Erträge erwartet.
Neben der Hitze prägte vielerorts auch Wassermangel den Vegetationsverlauf. Geringe Niederschläge und anhaltende Trockenheit führten regional zu Wasserstress und vergleichsweise kleinen Beeren. Das kann durchaus qualitätsfördernd wirken: Kleinere Beeren besitzen ein höheres Verhältnis von Schale zu Saft und können dadurch eine stärkere Konzentration von Farb-, Gerb- und Aromastoffen aufweisen. Wird der Trockenstress jedoch zu stark, kann die Rebe ihre Reifeprozesse verlangsamen, die Aromenausbildung beeinträchtigt und der Ertrag deutlich reduziert werden.
Die vielleicht grösste Herausforderung des Jahrgangs liegt jedoch in der ungewöhnlich schnellen Zuckerreife. Hohe Temperaturen liessen die Mostgewichte rasch ansteigen, während Säure, Aromatik und physiologische Reife nicht zwangsläufig im gleichen Tempo folgten. Manche Trauben wurden deshalb bewusst früher gelesen, um zu hohe Alkoholwerte, niedrige Säure, überreife Frucht und einen schweren, breiten Weinstil zu vermeiden.
Entscheidend wird 2026 daher sein, hohe Reife und Konzentration mit Frische, Säure und aromatischer Präzision zu verbinden. Sind die Trauben gesund geblieben und war der Wasserstress nicht zu extrem, besitzt der Jahrgang vielversprechendes Potenzial für konzentrierte, aromatische Weissweine und charaktervolle, farbintensive Rotweine.