Für Simón Arina beginnt jeder grosse Wein lange vor der Ernte. Der Kellermeister von Baigorri erzählt von seiner Verbundenheit zur Rioja, der Bedeutung des Rebbergs und warum Geduld oft die wichtigste Zutat im Weinbau ist.
Zwischen Rebbergen, Mandelbäumen und Olivenhainen hat Simón Arina gelernt, dass Geduld oft wichtiger ist als Geschwindigkeit. Schon als Kind erlebte er, wie sein Vater die familieneigenen Rebberge bewirtschaftete. «Meine Heimat ist eng mit dem Wein verbunden. Zu Hause hatten wir immer Rebberge», erinnert er sich. Heute zählt der Kellermeister von Baigorri zu den prägenden Persönlichkeiten der Rioja. Geblieben ist jedoch dieselbe Überzeugung wie damals: «Für mich wird Wein im Rebberg gemacht.»
Wenn Arina über Balance spricht, beginnt er nicht beim Ausbau im Keller, sondern draussen zwischen den Reben. «Balance muss im Rebberg gesucht werden», sagt er. Regelmässige Analysen der Trauben vor der Ernte seien entscheidend, um den optimalen Lesezeitpunkt zu bestimmen und die Grundlage für einen harmonischen Wein zu schaffen. Doch auch danach spielen zahlreiche Faktoren eine wichtige Rolle. «Jede Phase trägt ihren Teil zur Balance bei», erklärt er. Ob Ausbau im Holz, Sauerstoffmanagement während der Reifung, Klärung, Assemblage oder die Wahl des Verschlusses: Jede Entscheidung beeinflusst den späteren Charakter des Weins.
Die Voraussetzungen dafür schafft die Natur. Die Rioja profitiert von besonderen klimatischen Bedingungen, die Arina bis heute faszinieren. «Während der letzten Reifephase haben wir kalte Nächte und heisse Tage. Dadurch reifen die Tannine auf unglaubliche Weise aus.» Die grossen Temperaturunterschiede sorgen gleichzeitig für Frische und Struktur. Für Arina sind sie einer der wichtigsten Gründe, weshalb die Weine seiner Heimatregion eine so unverwechselbare Persönlichkeit besitzen.
Obwohl Simón Arina seit mehr als 30 Jahren professionell Wein macht, ist die Begeisterung für neue Herausforderungen ungebrochen. Auf die Frage nach seiner mutigsten Entscheidung nennt er kein einzelnes Projekt, sondern eine Haltung, die ihn bis heute begleitet. «Ich suche unermüdlich nach neuen Rebbergen, die mir gefallen und die mich motivieren, neue Weine zu entwickeln.» Die Suche nach Qualität und Ausdruck endet für ihn nie.
Besonders am Herzen liegt ihm dabei eine Rebsorte, die ausserhalb der Rioja kaum bekannt ist. «Zu Maturana Tinta habe ich immer eine besondere Beziehung gehabt», sagt er über die seltene autochthone Sorte. Vielleicht gerade deshalb, weil sie für ihn wie kaum eine andere Rebe die Identität und Geschichte der Region verkörpert.
Auch die Zukunft des Weinbaus beschäftigt ihn intensiv. Neue Forschungsprojekte und Ideen zur Weiterentwicklung der Weinbereitung gehören zu den Aufgaben, die ihm besonders Freude bereiten. «Ich arbeite gerne an neuen Projekten und Ideen, die sich über viele Jahre entwickelt haben», erzählt er. Gleichzeitig bleibt er seinen Wurzeln treu. «Ich mag Traditionen. Aber wenn sie überholt sind, bin ich bereit, sie zu verändern.» Dieser Spagat zwischen Bewahren und Weiterentwickeln prägt seine Arbeit bis heute.
Abseits des Weinguts verbringt Arina seine Zeit am liebsten mit der Familie und in der Natur. In seinem Heimatort besitzt die Familie ein Landhaus, das für ihn zum wichtigsten Rückzugsort geworden ist. «Dort kann ich neue Energie tanken», sagt er. Umgeben von Rebbergen, Mandel- und Olivenbäumen findet er jene Ruhe, die im oft hektischen Alltag des Winzers selten geworden ist.
Seine Interessen reichen dabei weit über den Wein hinaus. Motorsport, Elektroautos und erneuerbare Energien faszinieren ihn ebenso wie Geschichte. «Ich liebe Geschichte und kann mir historische Ereignisse sehr gut merken», erzählt er. Auch Bücher begleiten ihn seit vielen Jahren. Zu seinen Favoriten zählen Der Name der Rose von Umberto Eco und Die Säulen der Erde von Ken Follett. Aktuell liest er Sapiens von Yuval Noah Harari.
Je länger man mit Simón Arina spricht, desto deutlicher wird, wie wichtig der Faktor Zeit für ihn ist. Nicht nur im Rebberg, sondern auch im Glas. Besonders schätzt er Weine mit Entwicklungspotenzial, die sich über Jahre hinweg verändern und neue Facetten zeigen. «Geduld bringt mehr Freude als Unmittelbarkeit», sagt er.
Vielleicht beschreibt dieser Satz seine Philosophie besser als jede andere Aussage. Jahr für Jahr gilt es, die Eigenheiten eines Jahrgangs zu verstehen, Entwicklungen richtig einzuschätzen und den passenden Zeitpunkt für wichtige Entscheidungen zu erkennen. «Ich habe noch nie zwei identische Jahrgänge erlebt. Jedes Jahr ist anders», sagt Arina. Genau darin liegt für ihn die Faszination des Weinmachens.
Kaffee oder Tee?
Entkoffeinierter Kaffee
Berge oder Meer?
Berge
Spontan oder geplant?
Bei der Arbeit geplant, in den Ferien spontan
Entscheidungen im Rebberg: intuitiv oder analytisch?
Meist analytisch, bei Wetterrisiken intuitiv
Mehr Spannung oder mehr Sanftheit?
Sanftheit
Tradition bewahren oder neu interpretieren?
Tradition bewahren, wenn sie sinnvoll ist
Kühle Eleganz oder mediterrane Kraft?
Mediterrane Eleganz
Solist oder Speisenbegleiter?
Speisenbegleiter
Reifepotenzial oder früher Trinkgenuss?
Reifepotenzial
Barrique oder Edelstahltank?
Barrique
Minimalismus oder Opulenz?
Minimalismus
Morgennebel oder Abendsonne?
Abendsonne
Reife Tannine oder lebendige Säure?
Heute lebendige Säure