Edouard Moueix: Winzer aus Leidenschaft

Zwischen Tradition und Innovation prägt Edouard Moueix die Zukunft von Château Bélair-Monange. Ein Gespräch über grosse Bordeaux-Weine, mutige Entscheidungen und die Faszination von Saint-Émilion.

Wer mit Edouard Moueix über Wein spricht, merkt schnell: Hier spricht jemand, der Bordeaux nicht nur kennt, sondern lebt. Als Vertreter einer der bedeutendsten Weinfamilien Frankreichs und verantwortlich für Château Bélair-Monange in Saint-Émilion verbindet er familiäres Erbe mit dem Anspruch, jede neue Generation von Weinen noch präziser und ausdrucksstärker zu gestalten. Dabei ist für ihn eines besonders wichtig: Balance. Doch wann ist ein Wein eigentlich im Gleichgewicht? «Balance lässt sich in den meisten Jahrgängen erreichen», sagt Moueix. «Die Persönlichkeit eines Weins wird jedoch bereits zum Zeitpunkt der Lese festgelegt. Der Reifegrad der Trauben bestimmt die Eigenschaften, die später während der Vinifikation entstehen können. Erst danach lässt sich das Zusammenspiel der verschiedenen Komponenten wirklich beurteilen.»

  • Berühmte Weinlagen im Bordeaux

Diese Suche nach Harmonie beginnt in Saint-Émilion bereits im Weinberg. Die berühmten Kalksteinböden der Region verleihen den Weinen jene Eleganz, für die das Gebiet weltweit geschätzt wird. Für Moueix liegt genau darin die Besonderheit seiner Heimat: «Bordeaux lebt vom Verschnitt verschiedener Parzellen. Die Kunst besteht darin, die jeweiligen Stärken jeder Lage herauszuarbeiten. Die Weinberge auf dem Kalksteinplateau von Saint-Émilion bringen dabei eine einzigartige Eleganz hervor, verbunden mit Finesse, Komplexität und Spannung.»

Mutige Entscheidungen für die Zukunft

Wer grosse Weine erzeugen will, muss auch grosse Entscheidungen treffen. Für Moueix gehört Mut zum Alltag. Schliesslich gibt es im Weinbau keine zweite Chance. «Jede Entscheidung ist mutig, weil wir sie nur einmal treffen können», sagt er. «Die Zusammenführung von Bélair und Magdelaine zu Château Bélair-Monange war jedoch sicherlich die kühnste Entscheidung. Für mich war sie naheliegend, viele andere konnten sie zunächst nicht nachvollziehen. Umso grösser ist die Motivation, jedes Jahr die bestmöglichen Weine zu erzeugen.» Dieser Anspruch zeigt sich besonders im Jahrgang 2022. Für Moueix besitzt dieser Wein eine ganz besondere Bedeutung. Nicht nur, weil er zu den grössten Bordeaux-Jahrgängen der letzten Jahrzehnte zählt, sondern auch weil er als erster Jahrgang vollständig im neuen Keller entstanden ist. «2022 war ein aussergewöhnliches Jahr mit einer einzigartigen Lichtintensität während des Sommers. Gleichzeitig war es der erste Jahrgang, der in unserem neuen Weingut vinifiziert wurde, das von Jacques Herzog und Pierre de Meuron entworfen wurde. Der Wein vereint Geschmeidigkeit, Präzision und eine feine Konzentration. Er bereitet bereits jung Freude und besitzt gleichzeitig grosses Reifepotenzial.»

  • Handarbeit dominiert im Weinberg

Lernen, beobachten und entscheiden

Die Leidenschaft für Wein wurde Edouard Moueix praktisch in die Wiege gelegt. Schon als Kind beobachtete er seinen Grossvater und seinen Vater bei der Arbeit und lernte früh, grosse Weine zu verkosten. «Meine sensorische Ausbildung begann bereits in jungen Jahren. Als ich später die Welt bereiste, entdeckte ich viele neue Regionen und Stilistiken. Doch erst als ich selbst im Weinberg und im Keller arbeitete, verstand ich wirklich, worum es geht. Das ist zugleich demütigend und faszinierend.» Dabei unterschätzen viele Menschen die eigentliche Arbeit hinter einer Flasche Wein. «Die Weinproduktion ist ein langer, anspruchsvoller Prozess, bei dem Präzision entscheidend ist. Ein grosser Wein entsteht aus Hunderten kleiner Entscheidungen und Details, die sich über das ganze Jahr hinweg summieren. Bei Degustationen sprechen wir meist über die glamourösen Aspekte. Doch die eigentliche Arbeit findet im Hintergrund statt.»

Besonders liebt Moueix jene Phase, in der alles zusammenkommt: die Lese und die anschliessende Vinifikation. «Die Entscheidung über den richtigen Erntezeitpunkt gehört zu meinen Lieblingsmomenten. Im Weinberg reagieren wir laufend auf die Witterung. Im Keller beginnen wir anschliessend damit, den zukünftigen Wein herauszuarbeiten und zu formen.»

  • Lese der edlen Trauben

Die Welt ausserhalb des Weinbergs

Wenn Wein einmal nicht im Mittelpunkt steht, widmet sich Moueix vor allem seiner Familie. Und der Kunst. «Museen auf der ganzen Welt faszinieren mich. Die Fähigkeit von Künstlern, Werke zu schaffen, die Generationen überdauern, begeistert mich immer wieder aufs Neue.» Auch kulinarisch blickt er weit über Bordeaux hinaus. Besonders die japanische Küche hat es ihm angetan. «Japanische Küche löst bei mir die grösste Bandbreite an Emotionen aus. Zu aussergewöhnlichem Sushi geniesse ich besonders gerne einen weissen Puligny-Montrachet oder einen roten Saint-Émilion vom Kalksteinplateau.»

  • Edouard & Christian Moueix
  • Zwischen Herkunft und Zukunft

    Bei aller Bescheidenheit wird im Gespräch deutlich, wie konsequent Edouard Moueix seinen eigenen Weg verfolgt. Die Leidenschaft für Wein wurde ihm zwar in die Wiege gelegt, doch seine Philosophie entstand durch Erfahrung, Neugier und die tägliche Arbeit im Weinberg und Keller. So entstehen Weine, die Tradition und Zukunft auf elegante Weise miteinander verbinden.

Ping-Pong mit Edouard Moueix

Kaffee oder Tee?

Tee

Berge oder Meer?

Meer

Spontan oder geplant?

Spontan

Entscheidungen im Weinberg: intuitiv oder analytisch?

Definitiv beides

Mehr Spannung oder mehr Sanftheit?

Mehr Spannung

Tradition bewahren oder neu interpretieren?

Ständige Weiterentwicklung mit Respekt vor der Tradition

Kühle Eleganz oder mediterrane Kraft?

Mediterrane Kraft

Solist oder Speisenbegleiter?

Ein grosser Solist kann immer auch ein Speisenbegleiter sein

Reifepotenzial oder früher Genuss?

Trinkfreude mit Reifepotenzial

Barrique oder Edelstahl?

Barrique

Minimalismus oder Opulenz?

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen

Morgennebel oder Abendsonne?

Abendsonne

Reife Tannine oder vibrierende Säure?

Reife Tannine