70 Jahre Familiengeschichte, alpine Terroirs und die Suche nach perfekter Harmonie: John Boven von Cave Ardévaz erzählt, was grosse Walliser Weine ausmacht, warum Mut im Weinbau wichtig ist und welcher Wein ihm besonders am Herzen liegt.
Wann ist ein Wein wirklich stimmig? Für John Boven beginnt die Antwort bereits lange vor dem ersten Schluck. «Ein harmonischer Wein zeigt sich für mich zuerst in der Nase. Er soll Lust aufs Degustieren machen, ohne dabei zu opulent oder aufdringlich zu wirken.» Besonders schätzt der Winzer der Cave Ardévaz florale und fruchtige Aromen. Am Gaumen gehe es dann um das richtige Gleichgewicht zwischen Volumen, Fülle und Struktur. «Wenn ein Wein zu schwer wird, verliert er seine Harmonie. Die wahre Kunst liegt in der Trinkfreude. Ein Wein soll bei jedem Schluck aufs Neue begeistern.» Diese Philosophie zieht sich wie ein roter Faden durch die Weine des Familienbetriebs und prägt die Arbeit von John Boven bis heute.
Wer mit John Boven über Wein spricht, merkt schnell, wie eng seine Weine mit ihrer Herkunft verbunden sind. Das Wallis bietet mit rund 300 Sonnentagen pro Jahr und vergleichsweise wenig Niederschlag Bedingungen, die nahezu einzigartig sind. «Dieses warme und trockene Klima ermöglicht uns den Anbau anspruchsvoller Rebsorten wie Petite Arvine, Heida, Syrah oder Humagne Rouge.» Besonders prägend seien die Terroirs rund um Chamoson, die über Jahrtausende von Gletschern, Flüssen und Geröll geformt wurden. Schiefer, Kalk und steinige Böden sorgen für eine hervorragende Drainage und verleihen den Weinen jene Spannung, Präzision und Mineralität, für die das Wallis bekannt ist. Hinzu kommt die aussergewöhnliche Vielfalt der Region. Mit 24 Rebsorten bietet das Wallis eine beeindruckende Bandbreite an Stilistiken und Charakteren.
Die Cave Ardévaz feiert in diesem Jahr ihr 70-jähriges Bestehen. Für John Boven ein guter Moment, um auf die Entwicklung des Familienbetriebs zurückzublicken. «Eigentlich wurde unser Weingut über Generationen hinweg durch mutige Entscheidungen geprägt.» Seine persönlich wichtigste Entscheidung war der Bau eines grossen Lagergebäudes. Dadurch können die Rotweine länger reifen und erst dann auf den Markt kommen, wenn sie ihren optimalen Zeitpunkt erreicht haben. Auf dem Dach entstand zudem eine grosszügige Rooftop-Terrasse mit Blick auf die Walliser Alpen, die heute als Visitenkarte des Weinguts dient. Die Investition wurde mit dem Preis «Best of Swiss Wine Tourism» ausgezeichnet. «Wir müssen uns weiterentwickeln und auf die veränderten Gewohnheiten unserer Kundinnen und Kunden reagieren. Wein ist heute nicht mehr nur ein Produkt, sondern zunehmend auch ein Erlebnis.»
Fragt man John Boven nach einem Wein, der ihm besonders am Herzen liegt, kommt die Antwort ohne Zögern: «Unser Johannisberg Grand Cru.» Die Idee entstand aus einer einzelnen Parzelle, die Jahr für Jahr aussergewöhnlich aromatische und perfekt gereifte Trauben hervorbrachte. Mit dem Jahrgang 2023 wurde daraus ein eigenständiges Projekt. Jede Traube wird sorgfältig selektioniert, jede Partie mit grösster Präzision vinifiziert. Der Erfolg liess nicht lange auf sich warten. Bereits 2024 wurde der Johannisberg Grand Cru zum besten Johannisberg des Wallis gewählt. «Diese Auszeichnung bedeutet uns sehr viel. Noch wichtiger ist aber, dass der Wein sein Publikum gefunden hat.»
Der Weg von John Boven zum Winzer führte über eine Handelsschule, eine Winzerausbildung und das Önologiestudium in Changins. Danach sammelte er Erfahrungen in Deutschland, bevor er in den Familienbetrieb zurückkehrte. Besonders geprägt hat ihn Rodolphe Roux, der nach dem Tod seines Vaters im Jahr 2010 eine zentrale Rolle im Weingut übernahm. «Er hat mir praktisch alles beigebracht, was ich heute über die Arbeit im Keller weiss.» Bis heute stehen die beiden in engem Austausch. Gleichzeitig ist Boven überzeugt, dass Lernen im Wein niemals endet. Jede Degustation, jeder Besuch bei Kolleginnen und Kollegen und jede neue Begegnung erweitern den Horizont.
Auch ausserhalb des Weins sucht er nach Inspiration. Seine freie Zeit gehört vor allem seiner Familie. Ruhe findet er im eigenen Garten, wo er Pflanzen beim Wachsen beobachtet und die Veränderungen der Jahreszeiten erlebt. Gleichzeitig interessiert er sich für internationale Politik, wirtschaftliche Entwicklungen und globale Zusammenhänge. Neue Energie tankt er am liebsten bei Freunden an einem guten Tisch. Passend dazu fällt auch die Antwort auf die Frage nach seinem Lieblingsgericht aus: ein kurz-gebratenes Rindsfilet mit Morchelsauce, begleitet von einer Flasche 2023 Ardévine Michel Henri. «Das ist für mich ein aussergewöhnlicher Genussmoment.»
Kaffee oder Tee?
Kaffee
Berge oder Meer?
Meer
Spontan oder geplant?
Geplant
Entscheidungen im Weinberg: intuitiv oder analytisch?
Intuitiv, danach analytisch bestätigt
Mehr Spannung oder mehr Schmelz?
Mehr Schmelz
Tradition bewahren oder neu interpretieren?
Tradition und Innovation verbinden
Kühle Eleganz oder mediterrane Kraft?
Kühle Eleganz
Solist oder Speisenbegleiter?
Speisenbegleiter
Lagerpotenzial oder Trinkfreude?
Lagerpotenzial
Barrique oder Edelstahl?
Barrique oder Fuder für Rotweine, Edelstahl für Weissweine
Minimalismus oder Opulenz?
Opulenz
Morgennebel oder Abendsonne?
Abendsonne
Reife Tannine oder vibrierende Säure?
Reife Tannine